Stille

Neulich habe ich wieder einmal die Türe zu meinem Haus in Italien aufgestossen. Zwei Monate lag der letzte Besuch zurück und niemand war im Haus gewesen. Wasser und Strom abgeschaltet, die Temperatur mittlerweile drinnen so kalt wie draussen, allerdings ohne Wind. Stille.

Der erste Gang wie über dünnes Eis. Die zerbrechlichen Silberfäden der gesponnenen Stille dehnen sich, reissen und lassen Raum für kleine Geräusche wie Schritte, Kleiderrascheln, welche sich sofort ihren Ort suchen, ihre Reflektion, ihren kleinen Nachhall im grossen Raum.

In solchen Momenten kommen mir die Dachkammern und Estrichabteile meiner Grossmütter in den Sinn, wo die Dinge bis in alle Ewigkeit ihren Platz hatten, wo kein Laut den Schlummer der Zeit störte. An diesen Orten war das Oeffnen eines Koffers oder einer alten farbigen Schachtel ein Ereignis, welches die Ohren dröhnen und das Herz höher schlagen liess in der Erwartung eines Schatzfundes, eines Geheimnisses. Ein merkwürdiger Geruch war oft die einzige Belohnung. Ein vielleicht muffiger, fremder, auf jeden Fall von weit her kommender Geruch, der den Resonanzraum der Phantasie aufleben liess.

Die Suche nach der Stille führt mich zwischen Buchstaben, in die Farbe, zu Zeichnung und Skulptur, in die tieferen Schichten der Feinstgeräusche.

Die Stille des Staubes, der sich wie feiner Schnee in Zeitlupe auf alle Dinge senkt und behutsamst sich anhäuft. Die Stille des Lichts, welches sich um keine Hindernisse schert, sich über Stock und Stein, über Schönes und Hässliches bewegt, die Dinge gleichgültig berührt, erhellt, beschattet. Auch in jedem Geruch hat es Stille. Manchmal mehr , manchmal weniger.

Lavendel, Teer, Meer, Regen, Kaffee, Marmor…

Die Suche nach der Stille führt mich zwischen Buchstaben, in die Leerrille der Schallplatte, in die Farbe, zur fertigen Skulptur, in die tiefen Schichten der Geräusche.

Stille führt in einen endlosen Raum, voll mit Erwartung.

Fritz Hauser

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