FRAGEN ÜBER FRAGEN

Es war in Bishkek. In der Hauptstadt von Kirgisistan machten der Saxophonist Urs Leimgruber und ich Station auf unserer Tournee, die uns 1994 während vier Wochen und für rund 30 Konzerte und Workshops durch die ehemaligen Staaten der Sowjetunion führte. Nebst einem Konzert im Klub der Auslanddeutschen traten wir auch im Konservatorium auf, spielten ein Set mit improvisierter Musik und standen dann den StudentInnen für Fragen zur Verfügung.

Die junge Dame, ein Mädchen von vielleicht 12 Jahren, meldete sich zu Wort und trug ihre Frage dem Dolmetscher vor, der sie für uns übersetzte:

Ich spiele Geige und finde diese improvisierte Musik sehr spannend. Ich habe zwei Fragen: wie kann ich lernen, solche Musik zu spielen? Und wie kann ich wissen – wenn ich sie dann spielen kann – ob sie gut ist?

Hm.

Es wurde mir blitzartig klar, dass es hier nicht einfach darum gehen würde, wie viele Stunden wir im Schnitt üben, was so ein Saxophon oder ein Schlagzeug kostet und ob man es lustig findet, in fremde Länder zu reisen. An derartige Fragen gewöhnt man sich, wenn man in Schulen auftritt. Das hier war ziemlich ernst.

Es erinnerte mich spontan an den Soloauftritt, den ich einige Zeit vorher in einer Basler Mittelschule für die versammelte Schülerschaft gab. Man hatte mich gewarnt, die Schüler und Schülerinnen seien überaus lebhaft, schwierig zu kontrollieren und kaum zu begeistern. Ich spielte trotzdem mutig einige meiner Solostücke, verhaltener Applaus, dann die bekannten Fragen: Wie viele Stunden üben Sie, wie viel kosten die Instrumente, die Trommeln, die Becken etc. Ein Mädchen meldet sich und fragt: Was für Träume haben Sie, wenn sie solche Musik spielen? Plötzlich Stille und große Augen überall. Da war sie also, die richtige Frage im richtigen Moment.

Und nun wieder, im fernen Kirgisistan: Stille. Und große Augen unsererseits.

Man macht sich als improvisierender Musiker ja immer wieder mal Gedanken darüber, wie das eigentlich vor sich geht, wie man in diesen Kosmos der weißen Flecken auf der Landkarte der eigenen Musik vordringen kann, und wie man das möglicherweise jemand anderem erklären könnte, der immer nach Noten gespielt hat, der ohne Noten verloren ist wie ein Pinguin im Wald. Ich greife dann gerne zu Vergleichen:

Freie Improvisation hat viel Ähnlichkeit mit dem Bergsteigen. Die Vorbereitungen sind wichtig, man kann dabei fast alles in den Griff bekommen: Man kann den Körper trainieren, man kann die Ausrüstung bereit stellen, man kann sich Klettertechniken aneignen, Kartenstudium betreiben, Wettervorhersagen konsultieren, alle Eventualitäten abschätzen und trotzdem: Wenn es dann losgeht und man in früher Morgenstunde die Hand auf den Fels legt, den Bergschuh zum ersten Schritt aufsetzt, dann macht das Ganze nur Sinn, wenn Instinkt und Reaktionsvermögen, Erfahrung, Freude, Neugier und Wachsein zusammen kommen. Ganz im Sinn von: Erfolg ist, wenn Vorbereitung und Gelegenheit zusammen kommen!

Aha. Stimmt das? Oder doch nicht? Wer hat es als improvisierender Musiker nicht erlebt, dass in der absoluten Sackgasse der Inspiration, am traurigsten Punkt der gesamten Karriere, wenn man müde, ab- und ausgebrannt im Nirgendwo aufzutreten hat, diese wunderbare Idee aufgetaucht ist, die plötzlich alle Mühsal als Kinderspiel erscheinen ließ? Ganz im Sinne von Jean Dubuffet, der über die Kunst gesagt hat: „Die Kunst legt sich nicht in die Betten, die man ihr bereitet; sie macht sich davon, sobald man ihren Namen ausspricht: sie liebt das Inkognito. Ihre besten Momente hat sie, wenn sie vergisst, wie sie heißt.“

Zurück zum Startfeld: Gar nichts vorbereiten? Sich vom Moment überraschen lassen, womöglich am besten erschöpft und deprimiert sein? Sich treiben lassen im Sumpf des Alltags, um dann am Konzert wie Phoenix aus der Asche aufzusteigen?

Hm.

Das konnte man der jungen Dame in Bishkek ja so nicht mit auf den Weg geben.

Man könnte hingegen der Fragestellerin von der Recherche erzählen, von der Instrumentenbeherrschung, vom Suchen nach Ausdrucksformen, vom Studium aller möglichen Formen musikalischer Sprache, von der Inspiration durch andere Kunstformen, von der Malerei und der Zeichnung, von Film und von Skulptur, von verwandten Künsten, die sich mit der Musik im unbegrenzten Raum der sofortigen Vergänglichkeit treffen, dem Tanz zum Beispiel, wo auch nichts festgehalten werden kann, wo alles nur Sinn macht, wenn es jetzt stattfindet, wo die Freude über das kurze Vergnügen der Schwerelosigkeit, das Schweben über der Bühne nur allzu oft im harten Aufprall auf dem Boden der Realität endet.

Man könnte von der Heimatlosigkeit als Idealzustand schwärmen, vom Unterwegssein als Beweggrund, vom Nomadentum als Lebensgrundlage (wie Rudolf Nurejew sagte: „Mein Boden ist die Arbeit, meine Heimat der Koffer!“), von der unermesslichen Freiheit des Ausdrucks, von der wunderbaren Tiefe des Nichtwissens, vom Fischen im Trüben…

Dass man sich dabei oft nach zeitlicher Struktur sehnt, am liebsten jeden Tag eine Aufgabe gestellt bekommen würde, die bei Erledigung vielleicht sogar zu Lob führt, dass man nur allzu oft das überschaubare Tagwerk eines Angestellten dem strukturlosen Treiben eines freischaffenden Künstlers vorziehen möchte, das würde man dann nicht erwähnen.

Wie oft habe ich mir gewünscht, dass ich ein Repertoire pflegen könnte wie einen Garten. Dass ich zuschauen könnte, wie die Stücke wachsen, sich entwickeln, wie sie blühen und Früchte tragen. Die einen würden zu mächtigen Bäumen wachsen, andere zu Büschen und Blumenranken, wieder andere frühzeitig verdorren und sich in Stille auflösen. Die ZuhörerInnen würden die Stücke erkennen und vergleichen, sich erinnern und freuen. Man könnte über Interpretationen diskutieren und Maßstäbe anlegen. Es wäre ein schöner Freundeskreis und alle würden alle kennen und schätzen. Man könnte zusammen alt werden und alles, alles wäre gut.

Hm.

Das wollte die junge Dame in Bishkek ja gar nicht wissen. Und ich bin auch gar nicht sicher, ob das so stimmt.

Im Leben steht man oft an einer Verzweigung, an einer Kreuzung sogar, wo sich im besten Fall nicht nur zwei, sondern verschiedene Wege anbieten. Im allerbesten Fall sieht man sofort, dass der eine Weg ins Licht führt, der andere ins Dunkel, dieser steil ansteigt, jener sacht hinunter führt. Schwieriger wird es, wenn man an der Verzweigung irgendwie spürt, dass der eine Weg ins Glück führt, der andere ins Elend, aber sie sehen beide genau gleich aus. Und wenn man dann – im schlechtesten Fall – in der Wüste steht, die Sonne senkrecht über einem, keine Spuren, kein Wind, endlose Stille, rundum der ferne Horizont wie ein Abgrund – dann steht man am Anfang einer freien Improvisation. Und man spürt sofort und ganz genau, dass dieser Vergleich der jungen Dame in Bishkek keinen Mut machen wird.

Darum müsste es aber doch gehen! Den Mut zu wecken, auch eine solche Herausforderung anzunehmen. Und dann diese Energie im richtigen Moment abrufen zu können. Aber wie kommuniziert man so was? Wie macht man Mut? Wie kann man jemandem den Reiz des Neuen vermitteln, die Suche im nebligen Unwissen schmackhaft machen, wenn sich die Erfahrung auf Geschriebenem und Fixiertem aufbaut, wenn die Auseinandersetzung mit Musik sich durch Bleistifthäkchen hinter der Etüde definiert?

Ich kenne Orte und Menschen, die mir Mut machen. Gebäude und Landschaften, die mich mit Zuversicht erfüllen und Personen, die mir die Gewissheit geben, dass ich nicht alleine stehe mit meinen Ideen und Gefühlen, dass es sich lohnt, weiter zu gehen auf diesem Weg, den ich nicht beschreiben kann und für den es keine Angaben gibt, die ich dem GPS eingeben kann. Ein Weg, der mich oft um mich selber drehen lässt und der nicht selten gerade durch mich hindurch auf die andere Seite hinaus führt. Und oft genug zurück in die Wüste, wo ich dann wieder unter der brennenden Sonne stehe und mich frage, was ich hier eigentlich will.

Wenn die Fragen und Zweifel übermächtig werden und nichts mehr Sinn zu machen scheint, dann wende ich mich – ähnlich den Auguren im alten Rom – der Beobachtung der Natur, dem Betrachten des Vogelflugs und dem Studium des Kaffeesatz zu. Ich versuche Zeichen zu lesen, die möglicherweise gar keine sind, ich versuche Zusammenhänge zu erkennen, wo nichts zusammen passt. Jede Geste, jede Bewegung kann dann Inspiration sein und das ist natürlich gut, denn Inspiration ist immer gut. Die Inspiration ist es ja schlussendlich, die uns alle vorwärts treibt, die die Dinge in anderem Licht erscheinen lässt, die uns glauben lässt, dass das ferne Glitzern in der Nacht das Paradies sein könnte und nicht nur ein weit entfernter Bahnhofskiosk.

Wie aber komme ich zu dieser viel besungenen Inspiration? Stanley Kubrick, der Filmregisseur, wusste für sich einen Weg: Nichts inspiriert mehr als Inspiration. Ein Ansatz, der uns in kulturelle Veranstaltungen treibt, der uns Bücher und Filme verschlingen lässt und der uns stundenlang im Museum die Meisterinnen und Meister studieren lässt. Ich mag die Museen, nicht zuletzt, weil es dort so schön still ist, die Schritte von weit her hallen, die Räume nicht mit Möbeln und Teppichen und komischen Lampen voll gestellt sind. Und es gibt da natürlich auch immer viel zu sehen. Farben, Formen, Figuren, Allegorien, Symbole. Abstraktes und Konkretes, Impressionen, Expressionen. Die Materialien sind vielfältig, die Pinselstriche zart, dann wieder heftig. Schraffuren, Reliefs, Vertiefungen. Spiegelungen, Licht und Schatten. Es werden Geschichten erzählt und Gefühle geweckt, Leidenschaften entfesselt, alte Zeiten herauf beschworen, neue Horizonte skizziert.

Oder ich gehe in den Zoo und schaue mir Tiere an. Natürlich sehe ich sie lieber in der Natur, aber wo und wie kann ich den wiegenden Gang der Giraffen oder das Prusten der Nilpferde genießen, die ausgelassene Freude der Seehunde oder die transzendente Ruhe der Elefanten beobachten? Im Zoo habe ich zusammen mit Barbara Frey so manche Anregung für Schlagzeug-Improvisationen gefunden. Die Regisseurin und Schlagzeugerin hat mich auf die seltsame, an Beckett-Stücke erinnernde Einsamkeit der Röhrenaale aufmerksam gemacht und wir haben viel über Verhaltensweisen, Attitüden und Energien diskutiert. Wenn man im Basler Zoo im Aquarium steht, rundum ein gedämpftes Blubbern und Glucksen, dann löst sich die Zeit auf und viele Dinge, die einem sonst schwer auf der Seele liegen, verflüchtigen sich.

Wenn ich dann nach einem Museum- oder Zoobesuch wieder auf die Strasse trete, sehen die Menschen anders aus, die Autos bewegen sich irgendwie merkwürdig, Fenster und Türen wirken wie fremde Symbole und das Geräusch meiner Schritte ist unvertraut. Ich blinzle ins Sonnenlicht oder in den Nieselregen, schwinge die Jacke über die Schulter oder klappe den Mantelkragen hoch und bin – inspiriert!

Wie jetzt diese Stimmung konservieren, die Ideen greifbar machen? Ab nach Hause ans Instrument und Musik machen. All die Eindrücke in die eigene Phantasie einfließen lassen und daraus künstlerische Prozesse formen, Ansätze notieren, Konzepte schreiben, Abläufe skizzieren!

Aber das ist ja gar keine Improvisation, wird die junge Dame aus Bishkek geistesgegenwärtig ausrufen. Natürlich hat sie Recht. Das ist zwar schon auch ein bisschen Improvisation und noch nicht ganz Komposition oder doch eben eher dieses als jenes und auf jeden Fall nichts Eindeutiges. Und wir wollten doch ganz radikal sein und wirklich Freie Improvisation betreiben und – wenn möglich – sogar erklären.

Da beginnt nun der Zweifel am sprachlichen Ausdruck, und man ist geneigt zu sagen, dass dies eben musikalische Abläufe sind, die nicht in Worte gefasst werden können und Dinge, die man eher spüren als analysieren sollte. Das ist falsch und eine Ausrede, und es wird immer klarer, dass wir von einem Phänomen sprechen, vom Zustand der Sofortkommunikation mit sich selbst, dem Instrument, dem Raum und vor allem mit dem Zuhörer, der Zuhörerin.

Das ist vielleicht der springende Punkt: das Zuhören. Alleine Witze erzählen macht ja nicht wirklich Spaß und hat wenig Sinn. Die Aufmerksamkeit des Publikums, die Konzentration in den Gesichtern und der Haltung lassen doch die ganze Sache erst richtig aufleben, bringen diesen Austausch in Gang. Und um einen eigentlichen Austausch geht es ja bei diesem quasi alchemistischen Prozess des Verwandelns von Klang und Geräusch in Musik. Wenn wir dabei auf Melodie und traditionelle Harmonik verzichten, uns von Puls und Rhythmus als Grundlage abwenden und uns ganz auf die Neuerfindung des Moments stürzen, dann wandeln wir auf schmalem Pfad, mit einem Fuß immer auf der Bananenschale des Zweifels. Als Resultat winken zum Schluss nur zwei Möglichkeiten: Gold oder Sch… (um es mal ganz deutlich zu sagen, mit entschuldigendem Nicken in Richtung der jungen Dame in Bishkek). Mit dieser Radikalvorlage zu leben ist die Herausforderung. Das ist der Preis, den man dafür bezahlt, dass man sich nicht mit tradierten Formen, fixierten Abläufen und vorgeschriebener Gestaltung verbündet.

Jetzt aber doch nochmals zurück zur Bishkeker Frage. Zumindest zu ihrem ersten Teil: Wie kann ich Improvisation lernen?

Die Antwort ist so simpel, dass es schon ein wenig weh tut: Indem man sie macht. Schwieriger ist das Üben, welches es für freie Improvisation im strengen Sinne nicht gibt. Nichts wird repetiert, nichts abgerufen, nichts vorbereitet, alles ist neu. Natürlich kann man, wie beim Bergsteigen Einiges vorbereiten und recherchieren, aber die Idee ist ja gerade, dass man sich auch ins Trübe wagt, im Nebel wandert, sich ins Dunkle tastet.

Ich erinnere mich an mein eigenes Ersterlebnis als Improvisator auf der Bühne. Es war wie als Kind auf dem 3-Meter Brett im öffentlichen Schwimmbad: Die ganze Welt hat gesehen, wie ich Angst hatte, wie ich litt und gleichzeitig natürlich viel zu stolz war, um wieder runter zu klettern. Es gab nur einen Weg, den Sprung in die Tiefe, ins Wasser. Der Flug war unendlich, der Aufprall schmerzhaft, das Gefühl überwältigend. Bei meinem ersten improvisierten Konzert war der Aufprall viel weniger herb, aber die Vorbereitung, das Warten war schlimm. Ich habe mir das Hirn zermartert, wie ich denn überhaupt zu einer Idee kommen könnte, wie ich das Konzert beginnen sollte, wie ich jemals einen musikalischen Gedanken formulieren könnte, der irgend jemanden interessieren würde. Zum Glück war ich bei dem Konzert nicht allein, und Christy Doran, der irisch-schweizerische Gitarrist, war ein wunderbarer Partner bei diesem Ausflug ins Neuland.

Die Panik hat sich mittlerweile etwas gelegt, aber es ist immer noch ein aufwühlendes Gefühl, hinter der Bühne zu stehen und nicht zu wissen, was denn nun wirklich passieren soll. Eine Strategie, die ich mir zurechtgelegt habe und die ich gelegentlich anwende, ist, dass ich mir einen Anfang ausdenke. Ich nehme mir bewusst vor, dass ich mit diesem Schlägel oder jenem Besen auf diesem oder jenem Instrument einen ganz bestimmten Klang erzeugen will. Das wird der Anfang sein, dann ist das Eis gebrochen und alles kommt gut! Der Trick bei dieser Strategie ist natürlich der, dass ich das Vorgenommene dann eben nicht tue. Damit spare ich die Energie, welche ich brauche, um den ganzen Tag über tausend mögliche Anfänge nachzudenken, für das eigentliche Konzert auf.

Noch immer kuckt mich aber die junge Dame in Bishkek erwartungsvoll an, und in meinem Kopf hüpfen, springen, rasen, knirschen und jaulen die Gedanken.

Um Zeit zu gewinnen, könnte ich ja zuerst ein wenig erläutern, wie sich die verschiedenen Formen von Improvisation voneinander unterscheiden. Dazu ein Vergleich, der nahe liegt, weil wir alle diese Vorgänge kennen und verstehen: Kochen und Essen!

Improvisation auf simpelster Stufe: Der Griff zur Fertigpizza. Damit ist zwar der Hunger gestillt, das Essvergnügen allerdings nicht hochrangig. Die nächste Stufe vielleicht der Griff zur Fertigsauce, die dann durch leichte Manipulation (Gewürz, Kräuter, Rahm, Alkohol…) verfeinert wird. Ein immerhin schon ansatzweise kreativer Akt. Herausfordernder dann die ungewürzte Sauce, die persönlicher Gestaltung bedarf. Zwar im Ansatz geschmacklich festgelegt, aber durchaus gestaltbar. Eine weitere Stufe ist der Einkauf der Zutaten und die Fertigung dieser Sauce nach eigenem Rezept. Noch eine Stufe: Jetzt kommt die eigene Kreativität zum Zuge und es beginnt spannend zu werden: der Gang zum Markt ohne konkrete Kochidee, die Inspiration hervorgerufen durch das Angebot. Dann die echte Herausforderung an spontane Kreativität: der Kühl- und Küchenschrankinhalt bestimmt die Ausgangslage, man improvisiert mit dem, was man vorfindet.

Zum Schluss und als Höhepunkt die freie Improvisation: Es klingelt, die Gäste treffen ein, du hast die Einladung vergessen und den Einkauf verpasst, nichts ist da, außer einem riesigen Albtraumgefühl. Du bittest trotzdem frohgemut herein und erzählst der hungrigen Schar von Gerüchen und Geschmäckern, von knusprigen und sanften Konsistenzen, von Verbindungen und Ergänzungen. Du schwärmst von Speise- und Getränkefolgen, die sich hochschaukeln zum einmaligen Genuss und beschreibst die Glücksgefühle, die sich im Körper und in der Seele ausbreiten. Und wenn der Applaus sich gelegt hat, sind die Teller immer noch leer, aber die Erinnerung schön.

Als ich 1990 das Glück hatte, mit John Cage in Kontakt kommen zu können und er sich bereit erklärt hat, für mich ein Stück zu schreiben, war mir von vornherein klar, dass ich Besonderes erleben durfte. Abgesehen von den anfänglichen Gesprächen in seiner Wohnung in New York, die für mich unvergesslich und prägend sind, war die spätere Unterhaltung in Berlin ausschlaggebend, als ich ihn fragte, ob ich für das Stück one4 – eine seiner späten Zeitklammer-Kompositionen – auch eine eigentliche Partitur schreiben könnte. Natürlich würde ich dabei seinen Vorgaben folgen und seine Spielanweisungen respektieren. Er schaute auf die Komposition, dann zu mir. Noch einmal zum Stück, wieder zu mir. Dann schenkte er mir eines seiner wunderbaren Lächeln und sagte: „Fritz, this is your piece.“

Damit hat er für mich nicht nur die Tür zu seiner Musik aufgestoßen, sondern auch zu allen anderen Stücken und Improvisationen, die ich in der Folge in Angriff nahm. Er hat mich auf wunderbar sanfte Art darauf hingewiesen, dass ich nur zu einem persönlichen künstlerischen Ansatz komme, wenn ich Verantwortung übernehme, Entscheidungen treffe.

Mittlerweile ist die junge Dame in Bishkek nicht mehr ganz so jung und wir mussten ihr eine wirklich gültige Antwort schuldig bleiben. Die Begegnung ist mittlerweile 16 Jahre her, und wer weiß, was aus der interessierten Violinistin geworden ist. Ich hatte ihr damals immerhin sagen können, dass ich davon überzeugt sei, dass, wer solche Fragen stellen kann, auch Improvisation für sich entdecken, lernen und beurteilen kann.

Auch ist das Ringen um gute Antworten für mich weniger wichtig geworden. Ich frage mich eher, ob wir überhaupt Antworten brauchen? Sind es nicht die Antworten, die vom Zauber der Verwunderung, vom begeisterten Suchen immer wieder ins Banale, Kontrollierbare führen? Es waren doch eigentlich immer die guten Momente im Leben und in der Arbeit, wenn ich die Kraft hatte, ohne Antwort auszukommen, mich dem Offenen zugewandt habe. Als Ausschreibung für einen Improvisationskurs in Luzern habe ich vor einigen Jahren folgenden Text formuliert:

Lust zur Frage

Improvisation ist für mich nicht nur ein musikalisches Ausdrucksmittel, sondern auch eine Geisteshaltung, eine lebensnotwendige Einstellung. Wie können wir uns selber immer wieder neugierig machen, unsere Sinne schärfen, unsere Antennen ausrichten? Wie kann eine Disposition zur Improvisation geschaffen werden?

Brauche ich Strategien?

Brauche ich wirklich eine Antwort?

Das, denke ich, ist die entscheidende Frage, um das Wesentliche der freien Improvisation zu erfahren.

……………..

Aspekte der Freien Improvisation in der Musik

herausgegeben von Dieter A. Nanz, Wolke Verlag, 2011

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