AM GRÜNEN TISCH

Nein, hier wird nicht diplomatisch verhandelt, hier werden keine krummen Deals gemacht, hier wird nichts hinterrücks getrickst, hier wird gegessen und getrunken, hier wird geredet und diskutiert, hier werden Pläne geschmiedet und hier wird vor allem anderen der Ruhe gefrönt. Der Ruhe, die in diesen Tagen – genau wie vor einem Jahr – eine wunderbare Tiefe hat, weil die Weinberge sich zum Winterschlaf gelegt haben, die Tiere mehrheitlich auch. 

Ich sitze hier und schaue zurück, schaue vorwärts und freue mich, dass ich das immer noch darf und kann, nach immerhin mittlerweile 29 Jahren. So lange habe ich dieses Haus hier in Italien und so lange schon gewährt es mir Rückzug und Ruhe. Mit allen Geistern, die dazu gehören: La casa delle masche! 

Genau vor einem Jahr habe ich hier über ein intensives 2018 reflektiert, habe mir all die Projekte durch den Kopf gehen lassen, die ich realisiert hatte oder bei denen ich beteiligt war und habe mir gesagt: 2019 mache ich weniger, nehme mir etwas mehr Zeit für Ruhe und Entwicklung, für die Betrachtung der Dinge aus der Distanz! 

Es war ja nicht das erste Mal, dass ich mir so eine Jahresgestaltung vorgenommen hatte und ja, es hat nun leider wieder nicht geklappt. Aber man muss ja immer das Positive sehen und da ist die Freude gross, dass ich rund 25 Projekte machen konnte, im In- und Ausland, und ja, es war schwierig NEIN zu sagen zu all diesen Vorschlägen, weil sie einfach zu vielversprechend waren. 

Hätte ich die Abschiedskonzerte mit dem Trio Hintertür (mit Rob Kloet und Peter Conradin Zumthor) ausfallen lassen sollen? Die ausverkaufte Vorstellung im Gare du Nord in Basel? Das legendäre letzte Konzert im tief verschneiten Braunwald? 

Die CHORTROMMEL-Aufführungen mit dem contrapunkt chor (Abélia Nordmann) und den Basler Madrigalisten (Raphael Immoos) sowie den Kolleg*innen Camille Emaille und Peter Conradin Zumthor, die konnte und wollte ich nicht absagen und es hat sich wunderbar gelohnt. 

Hätte ich denn den Ausflug nach Barcelona, die Zusammenarbeit mit verschiedenen Schulklassen und Studenten, das Konzert mit dem Katalanischen Jugendorchester weglassen sollen? 

Zusammen mit Antonia Jendreyko habe ich mich der Stille zugewandt und eine Haiku-Lesung musikalisch mitgestaltet. Das war eine sehr schöne Erfahrung und durfte nicht fehlen. 

Natürlich hätte ich dem Kunstmuseum Basel auf den Vorschlag eines gross angelegten Projekts auch absagen können, aber wann kann man schon nachts mit 16 Schlagzeuger*innen das abgedunkelte Museum akustisch ausloten, während im Treppenhaus Hunderte von Zuhörer*innen für ausverkaufte Vorstellungen sorgten? 

In Genf habe ich zusammen mit Martina Brodbeck / Cello und Lauren Newton / Stimme, eine Begegnung mit einem spannenden kleinen Chor – L’Ensemble vocal de poche -, gestalten dürfen. Unter der Gesamtleitung von Denis Schuler haben wir das Arcoop-Gebäude bespielt, eine ganz berührende Klang-Erfahrung war das! 

Dass ich beim Abschiedsfest von Barbara Frey auf der Pfauenbühne nicht fehlen durfte, war klar. Und zusammen mit ihr eine Schraffur auf den Tisch zu zaubern, während ein kleines Trüppchen Schauspieler*innen sich äusserst merkwürdig durch Raum und Zeit bewegen, das musste sein! 

Nachdem ich das neue Soloprogramm SPETTRO (Uraufführung 2018 am Lucerne Festival) noch ein paar Mal live gespielt hatte, bin ich anfangs Juli nach Zaragoza gefahren und habe dort mit dem Label NEU Aufnahmen der Komposition (und einiger Improvisationen) gemacht. Die Aufnahmen sind noch in der Verarbeitungsphase, bin sehr gespannt. 

Ich war dann noch für Workshops in Belgien und Salzburg, ich habe bei einer CD-Aufnahme in Biella mitgespielt (PRISMO mit Sergio Armaroli, Martina Brodbeck, Francesca Gemmo und ich), habe mit Saadet Türköz nicht nur einen Stummfilm begleitet, sondern auch das Krematorium Sihlfeld in Zürich und dann auch noch ein privates Künstleratelier in Basel bespielt, ich war in einer Jury in Lausanne/HEM und dann noch beim internationalen Concours in Genf, ich habe meinen Beitrag für die nächstens anstehende Premiere von Kinsun Chan’s COAL, ASHES & LIGHT vorbereitet, war für Konzerte in Bologna und Frankfurt, habe einen bemerkenswerten Film von Balthasar Kübler vertont und bin zum Schluss dann noch für eine Woche nach London gereist, um mit dem Chor MUSARC die Eröffnung des London Contemporary Music Festivals zu bestreiten. 

Jetzt sitze ich hier und nehme mir für das nächste Jahr VIEL weniger vor. 

Also zuerst natürlich noch die nächste Variante von DIFFERENT BEAT (9.-12.1.2020 im H95 in Basel) und die 15 Vorstellungen von Coal, Ashes & Light in St. Gallen, die Arbeiten mit Robert Müller an einem Drehbuch für einen aussergewöhnlichen Film über Bild & Musik, dann die Uraufführung von Kurtag/Cuendet für Soloschlagzeug und Grosses Orchester, aber dann, aber dann…. 

Und ich freue mich, wenn Sie oder du oder alle zusammen beim einen oder anderen Anlass dabei sind/bist/seid! 

Mit den besten Wünschen für ein Gutes Neues Jahr! 

Fritz Hauser

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