AUS DEN KULISSEN VON SPETTRO UND SHONG

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Slight Return – 3 Improvisationen und Shong

MS: Zu den Improvisationen, die Du für Spettro aufgenommen hast, in diesem tollen Konzertsaal in Saragossa, fällt mir Jimi Hendrix ein, der nach einer Session frühmorgens noch einmal zurück ins Studio geht und diese brachiale Version von Voodoo Child, jetzt als Voodoo Child (Slight Return) aufnimmt. Nach der Aufnahme der Komposition Spettro spielst und improvisierst Du mit einem erweiterten Instrumentarium im gleichen Raum.

FH: Es waren zwei Aufnahmetage geplant. Spettro setzt sich nicht zusammen aus einzelnen Takes, so wie die dortigen Tonmeister Santi Barguño und Hugo Guimarães es bei der Aufnahme von Kammermusikensembles gewohnt sind, wo pro Minute unzählige Schnitte gemacht werden. Die waren hin und weg: Da kommt der Hauser, baut sein Ding auf und macht Version 1 von Spettro. Ich habe noch weitere Fassungen gespielt, aber die erste war’s. 

Ich liebe es, wenn ich nach einem Konzert noch einmal zurück auf die Bühne gehen und einfach für mich ein bisschen improvisieren kann. Da bin ich ganz weich, da bin ich eingespielt. Ich weiss, wie das alles klingt, muss nichts mehr beweisen, dann kann ich einfach spielen. So habe ich das gemacht.

Shong habe ich für eine Schlagzeugkollegin geschrieben, für Louisa Marxen. Ich habe diese alte Leedy Snare Drum, die ich von einem Trommelbauer in Basel geschenkt bekommen hatte, mit nach Saragossa genommen. Die hat wirklich Gene Krupa gehört, dem legendären amerikanischen Jazz-Schlagzeuger. Sie ist grösser als eine normale Snare Drum, 15″ im Durchmesser, und sie ist mit Naturfellen bespannt. Zu Beginn, wenn die Pulsation einsetzt und ich dann langsam den Druck vom Fell wegnehme, entsteht in der Sala Mozart in Saragossa dieser unglaubliche Klangraum. Man hört pro Schlag immer mehr Bässe, und es entsteht eine Art Raumtrommel. Shong passt gut zu den Improvisationen, finde ich.

Zu Shong gibt es eine lustige Geschichte: Ich habe das Stück für Louisa Marxen, eine luxemburgische Schlagzeugerin, komponiert. Sie hat mir erzählt, dass sie durch den Hämmelsmarsch zum Schlagzeugspielen inspiriert wurde. Dieser ist Teil der luxemburgischen Fasnachts-Tradition, ein Ritual, wo viel getrommelt wird, und das sie als Kind schon faszinierte. Und da habe ich im Internet Hämmelsmarsch recherchiert und stiess auf ein youtube-Video von einem kleinen Jungen mit einer Trommel, der anfängt zu trommeln, aus reiner Spiellust, völlig unkoordiniert. Man merkt, zwei Stöcke sind ein bisschen viel, und da schmeisst er einen weg und spielt nur noch mit einem. Da entschied ich: Shong ist mehrheitlich mit einem Schlägel zu spielen. Damit breche ich schon einmal die Erwartungshaltung, mit zwei Stöcken etwas zu machen. Später kommen dann schon noch Besen und so zum Einsatz, aber zu Beginn ist es eben nur dieser eine Stock. Das eröffnet ganz andere Möglichkeiten mit dämpfen und klingen lassen. Als Titel habe ich eine Kreuzung von Schaf und Song kreiert. Schaf weil eben Hämmelsmarsch, Song weil im letzten Teil des Stücks gesungen wird.

Vor zwei Monaten hat ein australischer Freund von mir in Sydney Shong gespielt. Er arbeitet seit vielen Jahren mit der Gruppe Taikoz, die sich auf japanische Trommelmusik spezialisiert hat. Weil er mir erzählt hatte, dass er ein Soloprogramm zusammenstellen wollte, habe ich ihm gesagt, ich hätte da ein neues Solo-Stück für kleine Trommel mit dem Titel Shong. Er war sofort begeistert, weil Shong  im Japanischen wohl eine Art Meditationszustand bezeichnet. Ich habe dann erst einmal nichts gesagt (lacht). 

Das auch zu den Geschichten, die dir einfallen zu meiner Musik. Der Titel des Trommelstücks hat meinen australischen Freund nach Japan transportiert, in irgendein Zen-Buddhistisches Kloster, während die Inspiration eigentlich aus einer luxemburgischen Trommeltradition kommt. Diese komischen Wege, die gibt es und die mag ich.

MS: Ich habe mir die Noten von Shong angeschaut und da ist mir etwas Interessantes aufgefallen: Die Notation – du schreibst vor, wenn eben die Position der Hand sich verändert, oder der Schlägel wechselt – das ist alles genau angegeben. Aber was dann genau klanglich dabei rauskommt, das ist nicht notiert und das kann man wahrscheinlich auch nicht notieren. Und da sind wir beim eigentlichen Thema von Spettro, wo es darum geht, dass Du mit der Pulsation die Instrumente, die im Hintergrund sind, den grossen Gong, zum Klingen bringst. Klänge, die so in der Partitur nicht notiert sind. Das finde ich spannend.

FH: Das ist aber auch die die Crux des Komponisten, der für Schlagzeug schreibt. Die Wahl der Trommel ist entscheidend, gerade auch in so einem einfachen Stück. Wie beim Dialog Instrument und Raum, der für mich bei Spettro und auch bei Shong so wichtig ist, der aber nicht entstehen kann, wenn du das Instrument nicht kennst.

Mark Sattler im Gespräch mit Fritz Hauser


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