LAUDATIO FÜR BARBARA FREY

  • Seit 1995 vergeben die Freunde des Schauspielhauses Zürich jedes Jahr die „Goldenen Masken“ – eine geschätzte Auszeichnung für besondere Verdienste auf und hinter der Bühne. Die Preisträger 2018 sind Andi A. Müller, Gottfried Breitfuss und – als besondere Auszeichnung -, die „Platinmaske“ für Barbara Frey

Ich erinnere mich gut an meinen ersten Auftritt hier im Haus.

Es begann schon beim Empfang im Schiffbau. Während an Theaterpforten das Personal üblicherweise aufschaut, wie wenn man es bei was Wichtigem stören würde, wurde ich hier von einer netten Dame mit meinem Namen, einem Lächeln und mit dem Hinweis empfangen, dass man sich freue, dass ich da sei und dass ich gleich abgeholt werde.

Dann führte mich eine weitere reizende Dame über allerlei Wege und Treppen in eine Art Dachstock, weit oben in diesem – mir schon bald leicht kafkaesk vorkommenden – Gebäude.

Dort baute ich meine Trommel für die Präsentation auf. Ein überaus hilfsbereiter Techniker stieg auf eine Leiter und richtete die Scheinwerfer.

Zur verabredeten Zeit erschien dann eine ganze Delegation. Die Chefinnen und Chefs von Technik, Licht, Ton, Dramaturgie, Bühnenbild. Der Schauspieler. Und Barbara Frey, die Intendantin.

Die ganz grosse Prüfung also. Stress. Könnte man denken. Nichts dergleichen. Es herrschte sofort ein wunderbarer Ton, eine Stimmung des Willkommenseins und eine greifbare Neugier und Offenheit aller Anwesenden auf alles Kommende.

Ich spielte die Trommel, dann las der Schauspieler den Rabenvon Edgar Allen Poe. Das war der Auftakt zu Adream within a dream.

Und ich spürte zum ersten Mal das, was Barbara Frey wohl damit meinte, als sie mir im Vorfeld ihrer Intendanz im Gespräch sagte, sie möchte gerne Gastgeberin sein. Ein Haus für das Theater schaffen, wo – wenn nicht alles -, so doch das Meiste möglich sein sollte, wo die Kreativität an erster Stelle stehen werde.

Jetzt sind es bald 10 Jahre, dass sie dieses Haus geleitet hat.

Und sie hat es nicht einfach geleitet. Sie hat mit einem Team von rund 270 Menschen eine faszinierende Landschaft für Theater, Musik, Literatur, Tanz und Diskussion erschaffen. Sie hat unermüdlich dahin gewirkt, dass die Arbeit hier nicht in Splittergruppen geleistet wird, sondern, dass die Fäden dieses riesigen Mobiles verfolgbar bleiben, miteinander schwingen und schlussendlich dieses seltsame Gefüge bilden, das mit seinem unstabilen Gleichgewicht die Grundbedingung jedes künstlerischen Prozesses ist.

Sie hat dabei eine für ein Theater dieser Grösse ungewöhnliche Stimmung aufgebaut. Sie hat den Dialog über alle Spartengrenzen hinweg animiert, hat Technik und künstlerisches Personal in einen konstruktiven Austausch gebracht und hat Denk- und Aktionswege kreuz und quer, hoch und runter durch den ganzen Betrieb installiert und gepflegt. Und sie hat mit dieser ‚Hausqualität‘ die besten RegisseurInnen und Regisseure, herausragende SchauspielerInnen und Schauspieler, sowie die interessantesten Kulturschaffenden aus dem In- und Ausland anlocken können.

Barbara Frey weiss, dass die Leitung eines Theaters ein überaus komplexer, sozialer Prozess ist. Und sie übernimmt dafür die Verantwortung. Sie hat den Beruf von der Pike auf gelernt, war sich für keinen Umweg zu schade, hat sich allen Fragen und Zweifeln gestellt und nichts für garantiert genommen. Und sie hat diese Erfahrungen mit ihrer ureigenen Variante von Menschlichkeit, Grosszügigkeit, Humor, Ernsthaftigkeit und Neugier untermischt und eine Kultur an diesem Haus geschaffen, von der auch noch in Jahren die Rede sein wird, wenn darüber diskutiert wird, wie Kreativität und Identität, wie Stimmung und Faszination entstehen.

Bei der Arbeit kannman ihr ja nichts vormachen. Sie weiss um die Gesetzmässigkeiten, lässt sich weder von hektischer Trommelei, noch von lautstarken Deklamationen oder wilder Gestik verführen oder blenden.

Sie hört zu, schaut, beobachtet, lässt wirken. Dann legt sie den Finger genau dorthin, wo die schwache Stelle ist und sagt: Hm, da ist was!

Dann beginnt das Tun. Und da kennt sie kein Pardon. Schon gar nicht mit sich selbst. Sie geht in Klausur, liest sich umfassend ins Werk ein, reflektiert tausend Varianten, berät sich mit Dramaturginnen und Dramaturgen, Bühnenbildnerinnen, Technikern, Musikern: Worum geht es hier? Welche Richtung, welche Geschwindigkeit, welche Dynamik ist angesagt? Und vor allem: Welchen Widerstand gilt es zu überwinden, welche Reibung soll erzeugt werden?

Sie versteht es mit den Schauspielerinnen und Schauspielern die seelischen Abgründe der Figuren behutsam auszuleuchten, den Wahnsinn auf der Bühne ganz langsam zu steigern, das Timing der Dialoge perfekt zu dosieren und die Texte zum Glühen bringen.

Bei all ihren Bestrebungen kommen ihr ihr phänomenales Gedächtnis, ihre ausgeprägte Musikalität und ihr wunderbarer Humor zugute. Und wenn sie dann im richtigen Moment zur Parodie ansetzt, Personen karikiert, Stimmen imitiert oder gar selbst zum Schlagzeugschlägel greift, dann bleibt kein Auge trocken.

Das Schauspielhaus Zürich ist seit seiner Gründung vor 80 Jahren eine der wichtigsten deutschsprachigen Sprechtheaterbühnen. Wenn die Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey im Sommer 2019 das Haus verlässt, wird sie hier mit ihrem (zu grossen Teilen weiblichen) Team das Theater zehn Jahre geleitet haben.

In Zahlen heisst das: auf fünf Bühnen entstanden mehr als 200 Inszenierungen, um die 6‘500 Vorstellungen wurden gespielt und circa 1‘500‘000 Karten wurden verkauft. Die Arbeiten fanden internationale Beachtung, beispielsweise wurde das Schauspielhaus in dieser Zeit sieben Mal zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladen und die Produktion „Amphitryon und sein Doppelgänger“ in der Kritikerumfrage von Theater heute zur Inszenierung des Jahres gewählt.

Aber „Theater ist kein Wettbewerb!“ (so Barbara Frey im Interview mit der Zeitschrift Theater der Zeit) und erst recht lassen sich Theatergeister schwer mit Zahlen greifen.

Zurück zu A dream within a dream!

Bauprobe. Alle sind da: Bühnenbild. Licht. Ton. Kostüm. Maske. Dramaturgie. Technik.

Die schwarze, schillernde Paraffin-Sauce quillt aus den Ritzen, deckt langsam und unaufhaltsam alles zu und spiegelt schlussendlich den Raum in höchste Höhen. Wir stehen alle da, staunen, und Barbara, ganz ruhig: Hm, eigentlich inszeniert hier das Bühnenbild.

Sagt es, akzeptiert die wundersame Erfindung und macht das, was sie immer tut, wenn das Geschehen herausfordernd wird und was Thomas Bernhard riet:

Mit offenen Augen in die Katastrophe hinein gehen.    

Barbara Frey hat hier in Zürich über 10 Jahre eine wunderbare Theatergeschichte geschrieben und wurde trotzdem von der mittlerweile auf Instant Entertainment, Name-Dropping und Skandale fixierten Presse immer wieder angegriffen. Es wurde gestichelt, gelauert, geforscht, gesucht.

Aber, da war nix. Die einzigen „Skandale“, die Barbara Frey in den letzten 10 Jahren hier am Schauspielhaus Zürich kreiert hat, waren unanständig gute Inszenierungen, eine schamlose Verschwörung der ganzen Belegschaft für die Theaterkunst und eine geradezu unzüchtige Verehrung dieser Institution durch ein oft auch junges Publikum.

Dafür ist ihr zu danken. Dafür hat sie jeden Preis verdient.

Ich gratuliere herzlich!

Fritz Hauser, 8.12.18

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LAUDATIO FÜR BARBARA FREY
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LAUDATIO FÜR BARBARA FREY
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Seit 1995 vergeben die Freunde des Schauspielhauses Zürich jedes Jahr die „Goldenen Masken“ – eine geschätzte Auszeichnung für besondere Verdienste auf und hinter der Bühne. Die Preisträger 2018 sind Andi A. Müller, Gottfried Breitfuss und - als besondere Auszeichnung -, die "Platinmaske" für Barbara

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