MEINE REDE ZUM 1. AUGUST

7 Jahre ist es her, dass ich in Vals eine 1. Augustrede gehalten und zum sorgfältigen Umgang mit dem Dorfglück geraten habe. 7 schreckliche Jahre später zieht sich dort immer noch deutlich ein Graben durch die Gesellschaft. Bin gespannt, was mich am 17.8. anlässlich meines Solokonzerts im Kraftwerk (SPETTRO) dort erwartet: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Fritz Hauser VALS – Rede zum 1. August 2012

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Valserinnen und Valser, liebe Gäste! 

Es ist mir eine Freude und eine Ehre, hier in Vals die Rede zum Schweizer Nationalfeiertag halten zu dürfen und ich möchte mich herzlich für die Einladung bedanken. Es ist dies meine erste Rede zum 1. August und es wird sehr wahrscheinlich auch meine letzte sein. Ich habe keinerlei Ambitionen, als Festredner Karriere zu machen und eine politische Laufbahn möchte ich auch nicht einschlagen. Kein Grund also, nicht ehrlich und offen zu sein. Bei dieser Rede geht es wohlgemerkt nicht darum, dass ich behaupten will, ich wisse, wie etwas geht, sondern darum, dass ich davon sprechen will, um was es mir geht. Ich stehe hier vor Ihnen als Bewunderer. Ich schicke dies gleich voraus, weil doch immer wieder darüber gemutmasst wird, ob und wie die Unterländer die Bergbevölkerung gering schätzen, abwertend beurteilen. Bei mir war das von Anfang an umgekehrt. Menschen, die in den Bergen lebten, schienen mir schon immer echter, kraftvoller, gescheiter, sinnlicher, in jeder Beziehung besser zu sein. 

Als kleiner Junge waren Berge für mich das Grösste. Nicht, dass ich ein begabter Berggänger oder gar Kletterer gewesen wäre oder bin, nicht, dass ich Berge unbedingt besteigen oder gar bezwingen wollte, nein, Berge waren für mich einfach an sich unglaublich und schön und wahr. 

Als Musiker habe ich mich später in mancher Weise mit Bergen beschäftigt, habe mich inspirieren lassen von Begriffen wie Baumgrenze, ewiger Schnee, Gletscherspalte, Lawine, Todeszone, Permafrost und ähnlichem. Ich habe Bergsteigergeschichten gelesen und habe Anteil genommen an Schicksalen von Menschen, die in der harten Realität des Hochgebirges leben und überleben. 

Wenn ich heute mit jungen Musikerinnen und Musikern, mit Studentinnen und Studenten diskutiere, ziehe ich Vergleiche aus der Bergwelt heran, mache aufmerksam auf die vielen Aspekte der Bergsteigerei, die – in übertragenem Sinn –, auch für die musikalische Improvisation gelten: Wachheit, Reflex, Erfahrung, Geduld, Ausdauer, Entscheidungswille. 

Vor langer Zeit – ich war ein halbwüchsiger Teenager –, habe ich eine Stimme gehört. Sie kam nicht aus dem Himmel, sie kam auch nicht aus dem Innern der Erde, sie kam aus dem Fernseher bei uns zuhause in Basel. 

Es waren Bilder zu sehen wie vom Ende der Welt, zu hören war ein Gebrodel aus Wind- und Wassergeräuschen, und dann die tiefe Stimme in seltsamem Dialekt, die von Nebel und Kälte, von Fantomen und Höllenschlunden erzählte (so sagt es mir zumindest meine Erinnerung), und dann – das Zauberwort: Valser Wasser! 

Das Wasser hat mich nicht interessiert, Mineralwasser kam damals in meiner Welt nicht vor, aber: Vals! Das klang faszinierend. Da war es wieder, dieses Gefühl der Echtheit, der Grösse, der Schönheit und der Wahrheit. Ich habe die versteckte Botschaft aufgesogen wie ein trockener Schwamm, war überaus empfänglich für diese Bilder, Klänge und Geräusche. 

Später hat es mich dann immer wieder ins Graubünden gezogen. Als 20-jähriger habe ich während zwei Sommern viel Zeit auf einer Alp im Val Bever verbracht, mich endgültig in diesen Landesteil der Schweiz verliebt, auch in die Sprache, den trockenen Humor. Ich fand alles besser als zuhause! Was mich vor allem und immer wieder faszinierte, war diese Geradlinigkeit im Umgang mit der Natur, mit dem Wetter, mit Wind, Regen, Schnee und Sonne. Lawinenverbauungen, Strassengalerien, Berghütten, Gebirgsstrassen, ja sogar Wasserabzugsgräben und Streugutbehälter – alles war einfach so direkt, so praktisch, so richtig. Kein Schnickschnack, kein Kitsch. Als ich viele Jahre später ein erstes Modellfoto der geplanten neuen Valser Therme sah, war das Gefühl das gleiche und ich wusste, dass ich mit diesem Projekt etwas zu tun haben wollte. Ich habe mich mit Ideen beworben, machte Vorschläge und Angebote und schlussendlich durfte ich den Klangstein in der Therme realisieren: Musik mit klingenden Steinen. Ich durfte beitragen zu einem Bauwerk, welches sich für mich vor allem dadurch auszeichnet, dass es eine intensive, alle Besucherinnen und Besucher berührende Stimmung produziert. Stimmung ist ein Begriff, der für einen Musiker essentiell ist. Das beginnt beim Stimmen der Instrumente, ein Prozess, der immer wieder studiert und verfeinert werden will. Dann kommen die Überlegungen und das Ausprobieren, wie man eine Stimmung im Konzertsaal herstellen kann. 

Ich spreche nicht von hemmungsloser Ausgelassenheit und frivoler Schenkelklopferei. Ich meine eine Stimmung, die offen ist und freundlich, eine Stimmung, welche die Konzertgängerinnen und -gänger dazu animiert, aufmerksam zu lauschen, mit zu spüren, mit zu erleben, wie Musik entsteht. Das Entstehen einer solchen Stimmung hat nicht nur mit der Qualität der Musik, sondern auch mit dem Saal selber zu tun, mit dem Licht, mit der Luft und der Wärme, mit den Sesseln und der Farbe der Wände, mit der Akustik natürlich, nicht zuletzt auch mit der Freundlichkeit des Personals. Stimmung hat zu tun mit tausend Dingen, die alle bedacht und vorbereitet sein wollen. Wenn dann eine Stimmung da ist, die dem Leben Sinn verleiht, eine Stimmung, welche die Menschen zusammen bringt und Glück und Zuversicht entstehen lässt, dann haben wir schnell vergessen, was es alles dazu gebraucht hat. Und wir haben vor allem vergessen, wie wenig es braucht, um alles wieder zu zerstören! Ein falscher Ton, ein falsches Wort, eine falsche Geste und es kann ganz schnell gehen: der Zauber ist weg, man wacht unvermittelt auf wie aus einem schönen Traum und weiss nicht, wie einem geschieht. 

Ich hielt die Stimme aus dem Fernseher damals für die Stimme der Wahrheit. Mittlerweile weiss ich, dass die Wahrheit nicht etwas ist, was man behaupten und schon gar nicht etwas, was man beschreien kann. Wahrheit muss gelebt, erlebt, miterlebt werden, sonst gibt es sie nicht. Das hat die Wahrheit mit der Stille gemeinsam. Ich kann mich erinnern, wie ich als Junge zum ersten Mal Stille bewusst erlebte. Es geschah im Fussballstadion, angefüllt mit zigtausend Menschen. Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel für eine Schweigeminute. Die Spieler blieben stehen, die Menschen erhoben sich, die Männer nahmen die Hüte ab und die Stille breitete sich aus wie eine gewaltige, langsame Welle. Dann wurde von weither die Stadt mit ihren Geräuschen hörbar, ich hatte den Eindruck, die ganze Welt zu hören, gemeinsam die Welt zu hören, schweigend. 

Hier im Valsertal habe ich einmal im Frühjahr dem Auftauen eines gefrorenen Wasserfalls zugehört. Das war, wie wenn ein riesiges Ei endlos langsam zerbricht und das neue Jahr herausschlüpft. So etwas ist in der Stadt nicht zu erleben. Ich erlebe das Valsertal als ein Instrument, bei dem der Mensch nur eine kleine Rolle spielt. Die Natur ist allgegenwärtig, verlangt Respekt. Mehr als die Hälfte der Gemeindeoberfläche ist unproduktiv, lese ich: Wunderbar! Ganz viel Platz zum Träumen, zum Denken, zum Loslassen, zum einfach Sein. 

Ungefähr zu der Zeit als die Geburtsstunde unserer Nation am Rütli schlug, sind die Valser in dieses Hochtal eingewandert. Sie haben sich niedergelassen und in langer und geduldiger Arbeit eine Existenz aufgebaut. Der Fortschritt kam nicht sofort, die Rückschläge waren heftig. Viele sind ausgewandert, manche zurückgekehrt. Vor rund 20 Jahren fand ein weiterer Aufbruch statt, eine Neuausrichtung nach innen, hin zu nachhaltigem Tourismus, eine Profilierung der Marke Vals auch im nationalen und internationalen Vergleich. Im Zusammenspiel mit der neuen Therme hat das sehr gut funktioniert, viele Besucherinnen und Besucher ins Tal gelockt, dem Dorf einen gewaltigen Aufschwung beschert. 

700 Jahre sind eine lange Zeit und die Valserinnen und Valser haben sich nie hetzen lassen, wenn es darum ging, Ideen zu entwickeln, Sachverhalte sorgfältig abzuwägen und dann zu entscheiden. Nacht-, Nebel- und Blitzaktionen scheinen in jüngerer Zeit mehr und mehr zugenommen zu haben. Damit kann ganz schnell Unfrieden gestiftet werden und es entsteht Schaden, der nicht so bald wieder gut zu machen ist. Schaden auch am Selbstverständnis einer so kleinen Gemeinschaft, welche darauf angewiesen ist, dass sie gegen innen funktioniert und gegen aussen als glaubhafte Einheit dasteht. Kein Erholungssuchender geht dahin, wo Streit und Unfrieden herrschen.

Kein Tourist will sich mit dem Selbstfindungsprozess einer Gemeinde auseinander setzen, er sucht Ruhe und Entspannung. Die Konkurrenz, das sei an dieser Stelle erwähnt, schläft nicht. Sonne, Berge, Schnee und Thermalbäder gibt es mittlerweile an vielen, auch näher liegenden Orten. Die Besonderheit von Vals kommt aus anderen Quellen, die zu versiegen drohen. 

Es ist in den letzten Monaten über Vals viel geredet und geschrieben worden. Im Zuge dieser Diskussionen ist mir meine Begegnung mit John Cage in den Sinn gekommen. Cage, einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus auch ein grosser Philosoph, hat denen, die es interessiert, beigebracht, die Ohren wirklich zu gebrauchen. Cage hat uns gelehrt, Geräusche als Musik zu hören, die Welt als Klanglandschaft zu begreifen. Seit Cage ist wahrlich Musik in allen Dingen. 

Ich hatte das Glück, John Cage persönlich kennen zu lernen und ich hatte das noch grössere Glück, mit ihm arbeiten zu dürfen. Er komponierte ein Stück für mich, extrem reduziert, 14 Klangereignisse für Schlagzeug in 7 Minuten, und ich habe mich mit grossem Eifer an die Interpretation gemacht. Als ich dann nicht mehr genau wusste, wie ich das angehen soll, habe ich ihn aufgesucht und ihm meine verschiedenen Ideen vorgestellt, ihn um seine Meinung gefragt. Er hat sich alles angehört, mich angeschaut, dann den Blick über die Partitur gesenkt, wieder mich angeschaut, nochmals die Partitur betrachtet und dann mit dem ihm eigenen, wunderbaren Lächeln gesagt: Aber Fritz, das ist DEIN Stück! Damit hat er mir die Verantwortung für das Gelingen seiner Musik übergeben, hat mich dazu inspiriert, über Stille und Klang, Spannung und Ruhe, Inhalt, Form und Stimmung nachzudenken. 

Warum ich ihnen das erzähle? 

Liebe Valserinnen und Valser, betrachten sie die Berge, die Sonne, die Sterne und den Mond, die Sommerwiesen und die Schneehänge, lauschen sie den Klängen des Wassers und des Windes, hören sie die Geräusche des Waldes und ihren eigenen Herzschlag: Sie haben hier das Paradies auf Erden! Aber sie sind an einem Punkt angelangt, wo es um ganz Grundlegendes geht. Es geht nicht darum, ob die eine oder andere Note lauter oder leiser, länger oder kürzer gespielt werden soll, sondern es geht um ihre Gemeinschaft, ihr Glück. Niemand kann, soll und wird Ihnen dabei helfen können, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es würde mich jedoch sehr freuen, später einmal zu hören, dass es auch nach 2012 im Unterland junge Menschen gegeben hat, die vom grossen Geist und der visionären Kraft von Vals inspiriert worden sind. 

Ich wünsche Ihnen – in Gedanken gemeinsam mit John Cage – bei der Gestaltung Ihrer Zukunft alles Gute und 

danke für Ihre Aufmerksamkeit. 

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