SPETTRO – VON INNEN NACH AUSSEN

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Spettro − von innen nach aussen

Die Trommel gilt schon sehr lange als Überbringerin mannigfaltiger Botschaften sowie als Vehikel für Reisen in die Ober- und Unterwelt – man denke beispielsweise an die Trommeln der Schamanen. Ähnlich verhält es sich bei Fritz Hausers Spiel, da sich dadurch auszeichnet, die akustische Dimension dieses Instruments iunnachahmlicher Art und Weise auszuweiten. Türen zu unbekannten Welten werde aufgestossen, Erinnerungsräume neu belebt. Spettro könnte als «Assoziationsgenerator» bezeichnet werden, welcher die Wahrnehmung mittels einer verblüffenden Vielfalt von Klangfarben und ungewöhnlichen Sounds prägt und das Gehörte immer wieder umgestaltet.

Spettro beginnt mit einer langen Sequenz präzise gehaltener Trommelschläge – das mutet geradezu beschwörend an. Wer oder was wird hier angerufen? Könnten eine Geisterwelt beziehungsweise Geistwesen und deren Symbolik gemeint sein, wie es der Titel des Werks suggeriert? Die Gespenster lugen jedenfalls bereits hinter der Trommel hervor, das Hintergründige drängt sich in den Vordergrund, ein metallisches Flirren breitet sich aus, am fernen Klanghorizont sind ein paar gedämpfte Schüsse von Feldkanonen längst vergangener Kriege vernehmbar. Die Schlachtopfer regen sich und finden als Untote den Weg in unsere Wahrnehmung.

Das dunkle tiefe Grollen gewinnt an Intensität, marschierende Soldatenstiefel auf dem Weg ins Nirgendwo. Eine einsame hoch und hohl klingende Glocke – war es jene, die damals zum Krieg gerufen hatte? Mehr und mehr metallische Klänge mischen sich ins Geschehen. Das mahnende Anschlagen mittels dicker Stricknadeln auf Balkongeländern verwandelt sich in festes Schlagen auf Töpfe und Pfannen, der Protest wird härter, der Unmut findet seinen klanglichen Widerhall, bevor er rasch abflacht. Ein Ticken, das nicht dem Sekundentakt folgt, so als würde die Uhr des Lebens nochmals neu justiert; das Raum-Zeit-Kontinuum eine merkwürdige Verschiebung erfahren. Die Schallklänge werden weicher, sie beginnen zu flirren, Obertöne gewinnen mehr und mehr Raum, bevor ein Gongschlag die oszillierende Klangwolke in sich zusammenstürzen lässt.

Der Klangmeister hat die Geister gerufen; nun antworten sie. Sie offenbaren sich «dergestalt», als würden sie unterhalb der Wasseroberfläche rufen, gleichsam geheimnisvollen Walklängen. Oder befinden wir uns auf hoher See inmitten eines Schiffsrumpfs? Doch unversehens wechseln die Geistwesen offen- oder bloss scheinbar den Schauplatz und versammeln sich in einer weit ausladenden Schlosshalle. Ein Ritual mit Rasseltrommeln setzt ein, es wird geschäkert, neckisches Geplänkel hier und dort, es werden derbe Spässe getrieben – und immer wieder diese Kügelchen-«Locken», die aufs Leder prasseln; doch weder Trommlerin noch Trommler sind in der imaginierten Schlosshalle auszumachen. Ein aufbäumendes Trommelcrescendo, dann die Grosse polternde Trommel – schlagartiger Szenenwechsel. Der Klang dieser Gespenstersonate bekommt eine nahezu ätherische Qualität – flüchtig, wie das Leben selbst. Tick, tack, tick, tack … Memento mori. Ein Glockenspiel im leichten Wind, es schlägt sanft gegen den Stamm, von dessen Baum es hängt. Der hängende riesige Gong gerät in Schwingung, tief beschwörende Obertöne füllen den Raum und lassen Spettro sukzessive ausklingen. Der schwebende dunkle Nachklang des letzten Gongschlags trägt uns ins Nichts.

Adrian Vieli, 19. Juni 2020

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