VOGELHAUS IM BASLER ZOLLI

Das Vogelhaus war früher das Affenhaus, und als Goma hier das Licht ihrer Basler Welt erblickte, war’s eine Sensation: Als erstes in Gefangenschaft geborenes Gorillababy lockte es Besucher aus aller Welt an. Zoologen, Wissenschaftler, Neugierige reisten herbei, um das Junge afrikanischer Herkunft zu betrachten, das es hier geschafft hatte. Goma trank gut bei seiner Mama, mit all den verwirrten Muttertieren im Zoo auch das ein Glücksfall. Und doch gab es Komplikationen, die Kleine wurde krank, die Veterinäre rätselten, und als Zollidirektor Dr. Lang nicht mehr weiter wusste, rief er seinen Kinderarzt an und sagte: «Es hat zwar etwas mehr Haare als Kinder, aber schaust du bitte trotzdem mal?» Dr. Hauser schaute, diagnostizierte Keuchhusten, der ihm von einem kranken Kind durch die Gitterstäbe zugeflogen sein musste, und verschrieb die Therapie. Goma genas.

«Ich war ja ohnehin gelegentlicher Zoobesucher, aber nun war mein Vater auch noch der Affenarzt im Zolli! So kam ich in den Genuss einiger Privilegien und erster Backstage-Erfahrungen» sagt Fritz Hauser. «Ich durfte an den anderen Kindern vorbei in die Hinterräume des damaligen Affenhauses, an manchen Nachmittagen sogar mit Goma spielen. Sie war winzig klein und wahnsinnig herzig». Der Zoo wird einiges mit seiner Aff-inität zur Architektur zu tun haben und vieles mit den Klangwelten, die der Perkussionist heute entwirft.

«Der Zolli ist für mich immer ein Ort im Ort gewesen. Ich kann die Faszination für Erlebnis und Nationalparks, für geschützte Zonen gut nachvollziehen – wie bei Tarkowskis ‹Stalker›. Solche Zonen sind faszinierend, wie Musik, wie Kunst: Orte, in denen man motiviert wird, sobald man sie betritt.» Im heutigen Vogelhaus ist es feucht und warm, es krächzt und zwitschert und ist doch zuzeiten oasenartig still. Fritz wollte schon immer in den Tierhäusern wohnen, es schien ihm dort toller als daheim, grösser, exotisch. Das Affenhaus, wo Goma lebte, war natürlich besonders: Es roch, und es wogte hier ein wahnsinniger Lärm. Damals rüttelten die Schimpansen, Orang Utans, die Gorillas an den schweren Gitterstäben. «Insofern war es auch perkussiv ziemlich intensiv» sagt der Musiker und schmunzelt.

Lange bevor er Drummer wurde, weil in der Schülerband noch niemand am Schlagzeug sass, lange bevor er sich ein Schlagzeug baute aus Pralinen- und anderen Schachteln und mit zerlegten Kleiderbügeln darauf experimentierte auf der Suche nach einem Sound wie bei den Beatles und den Rolling Stones, und natürlich lange bevor er die spezifischen Klang-Räume, in denen er heute auftritt, erfahren hat, lernt der Junge hier etwas über Akustik.

«Ich fühlte mich hier wie im Urwald. Und ich erfuhr etwas über grosse Räume und über klare Energien. Als Musiker komme ich oft in Konzertsäle und muss mit ihren Energien umgehen. Meistens werden die Säle für alles Mögliche gebraucht, das macht sie unruhig. In einem Konzertsaal ist es die Musik, die darin schon gespielt wurde, und die Energie der Bewohner, die ihm die Patina geben, nicht das Gebäude selber. In den Tierhäusern war die Energie immer klar.»

Im Zoo hat er erstmals über Häuser und Bauweisen nachgedacht. Darüber, dass es Wohnräume geben müsste, die variabel nutzbar wären, dass Industriebauten und Ateliers unwiderstehlichen Charme haben, dass er wegen «ihrer eindeutigen Geschichte» sofort in einen Geräteschuppen oder eine Autogarage einziehen würde. Das Vogelhaus ist architektonisch sein Lieblingshaus. Es war einmal das Affenhaus und erzählt noch immer vieles. Nicht nur über die Anfänge einer wunderbaren Freundschaft, auch über erste Impulse des angehenden Musikers und raumgreifenden Klangkünstlers.

Interview und Bearbeitung: Nina Toepfer, Kulturjournalistin und freie Autorin, Zürich. – Bild: Nina Toepfer
9|2010 werk, bauen + wohnen 47

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